Leitfaden Phytotherapie

„Für jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen“, sagte schon Paracelsus. Dass dieser Satz aus der modernen wissenschaftlichen Sicht nicht zutrifft, stellen die Autoren des vorliegenden Leitfadens klar fest. Doch viele vergessen, dass die heute häufig als „alternative“ Medizin bezeichnete Pflanzenheilkunde bis vor ca. 150 Jahren die einzige Medizin war, welche die Menschen kannten und erst Mitte des 20. Jahrhunderts an Bedeutung verlor und fast in Vergessenheit geriet. Moderne Phytotherapie ist jedoch entgegen eines weitverbreiteten Glaubens keine Alternativmedizin, sondern gesetzlich anerkannter Teil der heutigen naturwissenschaftlich orientierten Schulmedizin – mit der Besonderheit, dass sie nur Wirkstoffe aus Pflanzen verwendet. Diese in den letzten Jahren bei Ärzten, Heilpraktikern und Patienten immer beliebter gewordene Heildisziplin umfasst ein immenses Spektrum an Pflanzen, ihren Wirkstoffen und damit behandelbaren Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen, wie es viele, die sich erstmals damit beschäftigen, sicher nicht erwarten würden.
Umso wichtiger ist es, aus dieser großen Vielfalt die richtige Heilpflanze, den richtigen Teil der Pflanze und die richtige Zubereitung auszuwählen, um ihre Heilkraft zur Entfaltung zu bringen. Hierbei ist der „Leitfaden Phytotherapie“ eine wertvolle Hilfe: Mit seiner übersichtlichen Gliederung in Grundlagen, Pflanzenprofile und nach Organsystemen geordnete Krankheiten, bei denen der Einsatz von Phytopharmaka sinnvoll ist, ermöglicht er Therapeuten den korrekten Einsatz von Heilpflanzen in der täglichen Praxis und interessierten Laien einen tiefen Einblick in die Welt der Phytotherapie. Er orientiert sich immer an den Fragestellungen und Problemen, die im praktischen Alltag der Therapeuten auftreten und spannt dabei den Bogen zwischen dem schulmedizinischen Einsatz von Phytotherapie bis hin zu volksheilkundlichen und historischen Anwendungen. Zunächst stellen die Autoren fest, was moderne Phytotherapie von traditioneller und alternativer bzw. emotionaler Phytotherapie unterscheidet. Letztere, zu der z. B. Ayurveda-Arzneimittel, Bachblüten, Paracelsus-Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin, Arzneimittel der Hildegardvon-Bingen-Medizin und Orthomolekulare Medizin gezählt werden, werden daher in diesem Buch nicht behandelt. Das Gleiche gilt für die homöopathischen und anthroposophischen Arzneimittel, die definitionsgemäß ebenfalls nicht zu den Phytopharmaka zählen, auch wenn sie pflanzlichen Ursprungs sind. Im Weiteren findet sich folgende Gliederung:
- Grundlagen mit einer genauen Definition der modernenPhytotherapie, gesetzlichen Regelungen, Verordnungs und Erstattungsfähigkeit, Möglichkeiten und Grenzen der Phytotherapie inkl. Risiken sowie die Zubereitung und Darreichungsformen.- Pflanzenprofile mit Fotos, genauer Erklärung von Wirkungen und Wirkungsmechanismen der jeweiligen Pflanze, Indikationen, Kontraindikationen, Nebenwirkungen, Dosierung und Darreichungsform. Auch die aromatherapeutische Anwendung der entsprechenden Pflanzen wird ausführlich dargestellt samt der hierbei wirksamen Inhaltsstoffe, dem Hinweis auf die ggf. klinisch nachgewiesene Wirksamkeit und der Herstellung verschiedener Zubereitungen, wie z. B. Wickel. Sehr interessant sind hierbei auch die Schilderungen volksheilkundlicher oder historischer Verwendung des jeweiligen Krauts.
- Auflistung der Krankheiten, die mittels Phytotherapie behandelt werden können, nach Organsystemen. Zu jeder Indikation finden sich Informationen zu den entsprechenden Heilpflanzen, die erhältlichen Fertigarzneimittel und Kombinationsmöglichkeiten mit weiteren Phytopharmaka. Die Therapieempfehlungen werden hierbei immer im Rahmen ganzheitlicher Therapiepläne ausgesprochen, die Präparateauswahl erfolgt unter Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Studien. Fertigarzneimittel bzw. fixe Kombinationen werden in der phytotherapeutischen Praxis häufig verwendet und nehmen daher aufgrund ihrer hohen Bedeutung den entsprechenden Umfang ein samt dazugehöriger Dosierungsangabe.
Den praxisnahen Bezug des Leitfadens unterstützen zudem die Textkästen in fünf unterschiedlichen Farben, die – je nach Farbe – unterschiedliche Inhalte haben: besonders wertvolle Hinweise zur Anwendung der Heilpflanze, Warnhinweise, volksheilkundliche Anwendungen, Empfehlungen ür die Verarbeitung von Heilkräutern und aktuelle klinische Studien.
In der 4. Auflage wurden die Pflanzenprofile, ESCOP und WHO-Monographien, Arzneimittelempfehlungen, Studienergebnisse und die Verordnungs- und Erstattungsfähigkeit von Phytopharmaka aktualisiert und erweitert, neue Krankheitsbilder des Verdauungstrakts aufgenommen und ein neues Kapitel zu Allergien durch Arzneipflanzen eingefügt. Informationen „Für den Hausgebrauch“ machen den Leitfaden nun noch praxisorientierter.
Fazit: Ein überaus gut strukturierter, ausführlicher Leitfaden für den phytotherapeutisch tätigen Arzt oder Heilpraktiker, der es trotz der Stoffmenge schafft, übersichtlich zu bleiben und durch seine Praxisbezogenheit und klare Sprache auch für den interessierten Laien sehr zu empfehlen ist.
Ellen Sudholt, Dipl.-Humanbiologin, Gesundheitsökonomin
(ebs), Heilpraktikeranwärterin