Aromatherapie Praxishandbuch

„Ätherische Öle sind höchst komplexe Gebilde.“ Diesem Satz von Len Price kann man nach der Lektüre dieses Buches nur zustimmen. Die Komplexität der Thematik spiegelt sich auch in der Fülle an Informationen wieder, die in diesem Buch stecken. Vorab sei dazu Folgendes gesagt: Die englischen Autoren Shirley und Len Price setzen mit der vollständig überarbeiteten 2. deutschsprachigen Auflage ihres Buchs neue Maßstäbe im naturwissenschaftlichen Kontext der Aromatherapie. Das Werk wurde in enger Zusammenarbeit mit Therapeuten, Lehrbeauftragten und Forschern erarbeitet. Diese Vielseitigkeit des Buches ist imponierend.
Was bietet dieses Buch? Der Grundlagenteil des Buches geht sehr detailliert auf ätherische Öle im wissenschaftlichen Kontext ein. Beschrieben werden die Entstehung, Chemie, Qualität und Wirkkraft ätherischer Öle sowie moderne Forschungsansätze. Dabei erfährt man unter anderem etwas über Angiospermen und Gymnospermen, Verfahren zur Qualitätsprüfung der Öle, unerwünschte Wirkungen, spezifische Risiken (bspw. Dermale Toxizität) und Wechselwirkungen zwischen ätherischen Ölen und Medikamenten.
Im zweiten Teil des Buches werden allgemeine praktische Grundlagen vermittelt, die unter den Kapitelüberschriften „Ätherische Öle und ihr Weg in den Körper“, „Hydrolate“, „Berührung und Massage“, „Düfte, Körper und Seele“ und „Aromatische Medizin“ beschrieben werden. Die Anwendung der Aromatherapie in verschiedenen klinischen Kontexten wird im dritten Teil des Buches thematisiert. Neben der primären Krankenversorgung werden hier spezifische klinische Bereiche wie die Intensivpflege, palliavtive und unterstützende Pflege, Pflege bei Demenzerkrankungen oder auch Lernschwierigkeiten und Autismus und deren Behandlungsmöglichkeiten mit ätherischen Ölen genau dargestellt. Die angelsächsische Herkunft des Buches macht sich im vierten Teil des Buches über Leitlinien besonders bemerkbar, da es vor allem um die Aromatherapie in Großbritannien sowie im National Health Service geht. Andere Länder wie Frankreich, Deutschland und die Schweiz werden vergleichsweisee kurz erwähnt, jedoch sind die landesspezifischen Information übersichtlich unterteilt in dieAbschnittee Entwicklungsstand, geltende Vorschriften, ätherische Öle, Ausbildung, Verwendung, Berufsorganisation und Forschung. Aus dem Kapitel „Deutschland“ geht deutlich hervor, dass die Aromatherapie hierzulande den Ärzten und Heilpraktikern vorbehalten ist, wohingegen die Aromapflege für Vertreter der Gesundheitsberufe und die Aromaberatung für alle sonstigen Berufsgruppen konzipiert ist. Aufgrund des Lehrbuchcharakters des Werkes wäre es jedoch erforderlich gewesen, noch ausführlicher auf die rechtliche Situation im Umgang mit ätherischen Ölen einzugehen. Ein komplexer Anhang mit Kurzdarstellungen der wichtigsten ätherische Öle und Hinweisen zu deren Anwendung vervollständigt das Buch.
So viel zum Inhalt. Es stellt sich die Frage: Wie wirkt das Buch? Shirley und Len Price schreiben in einem angenehmen, nie absolutierenden Stil. Dieser Realismus ist beeindruckend, weil er die Möglichkeiten der Aromatherapie umso deutlicher macht. Trotz der Masse an Information ist es den Autoren über die 600 Seiten gelungen, ein äußerst verständliches Buch mit einer guten Mischung aus wissenschaftlicher Fundierung und praktischen Bezug zu verfassen, das interessierten Leserinnen und Lesern unterschiedlichster beruflicher Herkunft einen Einstieg oder eine Vertiefung in spezifische Themen der Aromatherapie bietet. Ein breites Spektrum an praktischen Beispielen und Fallbeschreibungen gibt dem Buch zusätzlich Leben. Hilfreich und anregend waren beim Lesen des Buches zusammenfassende Tabellen und die vielen Angaben über die von den Autoren herangezogene Literatur.
Die nächste Frage darf erlaubt sein: Gibt es (aus meiner Sicht) etwas zu kritisieren? Man hätte das Buch etwas übersichtlicher strukturieren können. So ist beispielsweise das Kapitel „Die theoretische und praktische Ausbildung“ unter der Überschrift „Wirkkraft und Risiken“ zu finden. Das Inhaltsverzeichnis ist teilweise recht unübersichtlich: Manche Kapitelüberschriften beginnen mit Buchstaben, manche mit Ziffern, wobei der Sinn dieses Wechsels nicht klar wird. Die Literaturverzeichnisse sind sehr umfangreich, im wissenschaftlichen Sinn jedoch tendenziell etwas veraltet. Außerdem könnte im Text stellenweise gekürzt werden, ohne dass die Lesbarkeit darunter leiden würde. Dies fällt beispielsweise beim Kapitel „Berührung und Massage“ auf. Obwohl die Autoren immer wieder anmerken, dass ein Kurs zum Erlernen der Massage nötig ist, gehen sie äußerst detailliert auf jede der genannten Techniken ein. Einiges ist redundant, manches nicht relevant (Shiatsu), aber wichtige Kontraindikationen, z. B. Die Kreuzbein-Massage bei Schwangerschaft, werden dort nicht erwähnt, sondern erst im Kapitel „Schwangerschaft und Geburt“ im dritten Teil des Buches.
Gibt es weitere Besonderheiten? Vielleicht ist die Leserin oder der Leser etwas irritiert von den doch manchmal eher kritischen Kommentaren des deutschen Herausgebers Jürgen Trott-Tschepe, die in grau unterlegten Kästchen im Text stehen. Selbst Autor und Dozent für Aromakunde, bemängelt er einen fehlenden ganzheitlichen Ansatz und ergänzt in diesem Sinne.
Und wie lautet das Fazit? Dieses Buch liefert einen breiten Hintergrund zur Aromatherapie, ohne dafür Tabelle um Tabelle aufzulisten, sodass man es jedem anspruchsvoll arbeitenden Therapeuten sehr empfehlen kann.
Susanne Kurz, Dipl.-Psych., Physiotherapeutin, HP in Ausbildung