Aromapflege Handbuch

Angetrieben durch den stetigen Wandel in unseren Gesundheitssystemen und dem damit verbundenen Leitgedanken, Gesundheit zu fördern, um Krankheit zu verhindern (vgl. 1), öffnen sich gerade im Pflegesektor Türen, welche die Begleitung und Unterstützung jedes Menschen in seiner Gesamtheit – Körper, Seele und Geist – in den Mittelpunkt rücken. Genau in diesem Bereich stellt die Aromapflege, als komplementärer Ansatz, eine wertvolle Ergänzung für pflegerische Entscheidungen zur Verfügung.
Die Autorinnen haben in dieser zweiten, erweiterten Auflage ihres Handbuchs für Aromapflege den Versuch unternommen, die Professionalität der Aromapflege aufzuzeigen - anhand von Kurzbeschreibungen ätherischer Öle/fetter Pflanzenöle und Hydrolate, deren Anwendungsmöglichkeiten und -grenzen, Anleitungen für erfolgreiche Implementierungen in Gesundheits- und Krankenpflegeeinrichtungen, wissenschaftlichen Fachbeiträgen und expliziten Erfahrungsberichten aus unterschiedlichen Settings im Pflegealltag -, um damit, wie sie schreiben, „einen Bogen von der Pflegepraxis zur Wissenschaft zu spannen“. Die Neuauflage des Leitfadens besticht durch verständlich erörterte Inhalte, zeigt Fallbeispiele auf, liefert Checklisten und Musterbeispiele für den Pflegealltag und präsentiert sich somit nicht nur für Fachkräfte in Gesundheits-, Krankenpflege- und Sozialberufen, sondern auch für Laien als wertvolles Nachschlagewerk.
Erschienen 2013 im Grassl Verlag, stellt die zweite Ausgabe des Fachbuchs neben den überarbeiteten Inhalten der Ersterscheinung (2007) auch eine Erweiterung im wissenschaftlichen Kontext zur Verfügung. Den Verfasserinnen ist es gelungen, zahlreiche namhafte GastautorInnen für Kurzberichte zu spezifischen Themen zu gewinnen, die es erlauben, einen Blick über den Tellerrand zu werfen, um den eigenen Blickwinkel zu erweitern und einen objektiveren Einblick in die Materie zu erhalten.
Dieser Erweiterung hinsichtlich Wissenschaft und Praxis ist ein eigener – und besonders gelungener - Abschnitt im Buch gewidmet. Der Aspekt Professionalisierung der (Aroma-)Pflege wird darin besonders hervorgehoben. Darunter ordnet Schloemer (2) eigenverantwortliche Entscheidungen ein, die für die PatientInnen/KlientInnen ein bestmögliches Ergebnis sicherstellen und neben den Aspekten Effektivität und Effizienz sich an den individuellen Bedürfnissen orientieren, Pflegeexpertisen und strukturelle Ressourcen berücksichtigen und wissenschaftliche Belege einbeziehen. Auf über 100 Seiten erörtern renommierte FachexpertInnen wissenschaftliches Hintergrundwissen über Wirkweisen, Deklarationen, diagnostische Untersuchungsmöglichkeiten sowie zielgerichtete, individuelle Zusammensetzungen von Rezepturen rund um die duftenden Essenzen und liefern so wichtige Grundlagen für pflegerische Entscheidungen. Der Exkurs in die Wissenschaft schließt ab mit Bezugspunkten zum Evidence-based-Nursing und lesefreundlich aufbereiteten Ergebnissen wissenschaftlicher Studien zu aromapflege- und therapierelevanten Themen (z. B. ätherische Öle zur Beeinflussung seelischer Befindlichkeiten, ätherische Öle in der Palliativpflege, Wundversorgung uvm.).
Fazit: Ein gut strukturiertes und ausführliches Handbuch wie dieses kann zwar das „literarische Equipment“ für eine erfolgreiche Implementierung der Aromapflege in Institutionen darstellen. Dennoch muss festgehalten werden, dass es im Alltag unumgänglich ist, MitarbeiterInnen bzw. AnwenderInnen handlungsorientiert, in Form von Aus- und Weiterbildungen, anzuleiten. Nach wie vor mangelt es zudem an wissenschaftlichen Studien – insbesondere im qualitativen Forschungsbereich –, die Phänomene im Kontext der Aromapflege im Sinne von „Erkennen und Konstruieren der Bedeutung einer Erfahrung“ (3) repräsentieren. Dies als versteckter Appell an alle, die spätestens nach dem Lesen dieses Buchs ihre Zuneigung zu den duftenden Essenzen entdecken und dabei erkennen, dass jegliche Anwendungen im Aromapflege-, wie auch im -therapiebereich gut überlegt, geplant, ausgeführt, dokumentiert und evaluiert werden müssen und letztendlich – im Sinne der Professionalität – nicht in Schubladen verschwinden sollten.
Andrea Temmel, M. Ed., Dipl. Gesundheits- und Krankenschwester